Musik war nie nur Unterhaltung. Sie kann Trost spenden, Erinnerungen bewahren und Menschen miteinander verbinden. Sie kann aber auch Widerspruch formulieren, politische Verhältnisse infrage stellen und jenen eine Stimme geben, die selbst kaum noch gehört werden.
Gerade die Musik der 1960er- und 1970er-Jahre war eng mit den großen gesellschaftlichen Konflikten ihrer Zeit verbunden. Der Vietnamkrieg, die amerikanische Bürgerrechtsbewegung, Rassismus, soziale Ungleichheit und die Angst vor einem Atomkrieg fanden ihren Weg auf unzählige Schallplatten.
Bob Dylan, Joan Baez, John Lennon, Nina Simone, Marvin Gaye, Gil Scott-Heron oder Crosby, Stills, Nash & Young wollten nicht nur unterhalten. Sie verstanden Musik auch als gesellschaftliche Verantwortung.
Heute scheint diese Haltung bei vielen etablierten Künstlern einer auffälligen Vorsicht gewichen zu sein. Gerade beim Krieg in Gaza, dem Leiden der palästinensischen Zivilbevölkerung und der Kritik an der israelischen Regierung schweigen zahlreiche prominente Musiker, Schauspieler und Kulturschaffende.
Die Verbrechen der Hamas vom 7. Oktober 2023 müssen verurteilt werden. Sie können aber niemals rechtfertigen, dass eine gesamte Bevölkerung kollektiv bestraft, vertrieben oder ihrer elementaren Lebensgrundlagen beraubt wird. Kritik an der israelischen Regierung ist zudem keine Kritik an jüdischen Menschen – und sie darf niemals in Antisemitismus umschlagen.
Eine unabhängige Untersuchungskommission des UN-Menschenrechtsrats kam im September 2025 zu dem Ergebnis, dass Israel im Gazastreifen einen Völkermord an den Palästinensern begeht. Israel weist diese Einschätzung entschieden zurück. Der Internationale Gerichtshof hat im von Südafrika angestrengten Verfahren noch kein abschließendes Urteil über die Hauptsache gefällt, zuvor aber bereits verbindliche Schutzmaßnahmen angeordnet.
Vor diesem Hintergrund stellen wir drei sehr unterschiedliche Platten vor. Sie handeln nicht unmittelbar alle von Krieg oder Palästina. Doch jede von ihnen zeigt auf ihre Weise, dass Musik mehr sein kann als ein schnell konsumiertes Produkt für Playlists, Trends und Algorithmen.

Fairport Convention – „Rising for the Moon“: Folkrock zwischen Aufbruch und Abschied
Fairport Convention zählen zu den einflussreichsten Gruppen des britischen Folkrock. Die 1967 in London gegründete Band orientierte sich zunächst stark am amerikanischen Folkrock von Bob Dylan, Joni Mitchell und Jefferson Airplane. Später begann sie, traditionelle britische Musik mit elektrisch verstärkten Gitarren, Bass, Schlagzeug und der Fiddle zu verbinden.
Damit entstand ein eigenständiger britischer Folkrock, der Generationen von Musikern beeinflussen sollte.
Das 1975 veröffentlichte „Rising for the Moon“ war bereits das zehnte Studioalbum der Band. Es markierte die Rückkehr von Sandy Denny zu Fairport Convention und blieb zugleich das letzte gemeinsame Studioalbum der Sängerin mit der Gruppe.
Produziert wurde die Platte von Glyn Johns, der zuvor bereits mit den Rolling Stones, The Who, Led Zeppelin und den Eagles gearbeitet hatte. Zum Ensemble gehörten neben Sandy Denny die Musiker Dave Swarbrick, Dave Pegg, Jerry Donahue und Trevor Lucas. Dave Mattacks spielte auf einem Teil der Aufnahmen Schlagzeug, verließ die Produktion jedoch während der Sessions und wurde durch Bruce Rowland ersetzt.
Musikalisch entfernt sich „Rising for the Moon“ stellenweise vom stark traditionellen Folk früherer Fairport-Alben. Rock, Folk, Country und ein zugänglicherer, teilweise amerikanisch geprägter Sound verbinden sich zu einer Platte, die größere kommerzielle Ambitionen erkennen lässt.
Im Mittelpunkt steht jedoch immer wieder Sandy Denny. Ihre Stimme besitzt eine seltene Mischung aus Klarheit, Verletzlichkeit, Würde und Melancholie. Besonders der von ihr geschriebene Titelsong zeigt, weshalb sie heute zu den bedeutendsten britischen Sängerinnen und Songwriterinnen ihrer Generation gezählt wird.
„Rising for the Moon“ ist keine klassische Protestplatte. Sie entstand jedoch in einer Epoche, in der Musik und Politik noch enger miteinander verbunden waren. Musiker mussten nicht erst von Marketingabteilungen prüfen lassen, welche Meinung ihrer Karriere schaden könnte. Kunst durfte unbequem, widersprüchlich und gesellschaftskritisch sein.
Sandy Denny: Die Stimme, die den britischen Folkrock veränderte
Sandy Denny wurde am 6. Januar 1947 als Alexandra Elene MacLean Denny in London geboren. Nach einer frühen Zusammenarbeit mit den Strawbs kam sie 1968 zu Fairport Convention und ersetzte dort die Sängerin Judy Dyble.
Ihr Einfluss auf die Band war enorm. Mit Sandy Denny wurden Fairport Convention musikalisch selbstbewusster und wandten sich zunehmend den britischen Folk-Traditionen zu. Innerhalb eines einzigen Jahres entstanden mit ihr drei wegweisende Alben: „What We Did on Our Holidays“, „Unhalfbricking“ und das 1969 erschienene „Liege & Lief“.
Gerade „Liege & Lief“ gilt heute als ein Schlüsselwerk des britischen Folkrock. Traditionelle englische Lieder wurden nicht einfach nachgespielt, sondern mit elektrischen Instrumenten, Rockdynamik und einer neuen dramaturgischen Kraft in die Gegenwart geführt.
Sandy Denny war jedoch nicht nur Interpretin traditioneller Musik. Sie schrieb eigene, zeitlose Lieder. Ihr bekanntestes Werk ist „Who Knows Where the Time Goes?“, das später unter anderem von Judy Collins, Nina Simone und Eva Cassidy aufgenommen wurde.
Nach ihrem ersten Abschied von Fairport Convention gründete sie gemeinsam mit Trevor Lucas die Band Fotheringay und veröffentlichte anschließend mehrere Soloalben. Außerdem sang sie zusammen mit Robert Plant „The Battle of Evermore“ auf „Led Zeppelin IV“. Sie blieb damit die einzige Gastsängerin, die auf einem regulären Studioalbum von Led Zeppelin zu hören war.
Hinter der außergewöhnlichen Stimme und der starken Bühnenpersönlichkeit verbarg sich allerdings ein Mensch, der von Selbstzweifeln, psychischen Problemen und einer zunehmenden Abhängigkeit von Alkohol und anderen Substanzen belastet war.
Nach der Geburt ihrer Tochter Georgia verschärfte sich die persönliche Krise. Im Frühjahr 1978 erlitt Sandy Denny bei einem Treppensturz schwere Kopfverletzungen. Einige Zeit später brach sie im Haus einer Freundin zusammen und fiel ins Koma.
Am 21. April 1978 starb Sandy Denny an den Folgen einer traumatischen Hirnblutung und der erlittenen Kopfverletzungen. Sie wurde nur 31 Jahre alt.
Der Tod wurde als Unfall eingestuft. Nach Darstellung des „Rolling Stone“ wurden in ihrem Blut zum Todeszeitpunkt weder erhebliche Mengen Alkohol noch andere Drogen nachgewiesen. Besonders tragisch erscheint deshalb die Möglichkeit, dass Sandy Denny kurz zuvor tatsächlich versucht hatte, ihr Leben neu zu ordnen.
Ihr künstlerisches Vermächtnis ist bis heute lebendig. Ihre Stimme klingt nicht wie ein historisches Dokument aus den 1960er-Jahren. Sie wirkt unmittelbar, menschlich und zeitlos.
Was wurde aus den Musikern von „Rising for the Moon“?
Auch die Geschichte der damaligen Fairport-Besetzung ist von zahlreichen Brüchen und Schicksalsschlägen geprägt.
Trevor Lucas
Der australische Sänger, Gitarrist und Songwriter Trevor Lucas war Sandy Dennys Ehemann und der Vater ihrer gemeinsamen Tochter Georgia. Er gehörte sowohl Fotheringay als auch Fairport Convention an und übernahm später zahlreiche Aufgaben als Produzent.
Nach Sandy Dennys Tod kehrte er nach Australien zurück. Dort produzierte er unter anderem erfolgreiche Aufnahmen für Goanna und Redgum und arbeitete an Filmmusiken. Trevor Lucas starb am 4. Februar 1989 im Alter von nur 45 Jahren an einem Herzinfarkt.
Dave Swarbrick
Dave Swarbrick gehörte zu den prägendsten Geigern des britischen Folkrock. Sein virtuoses Spiel verband traditionelle englische Musik mit der Energie einer Rockband. Er blieb über viele Jahre eine zentrale Figur von Fairport Convention und arbeitete später auch mit zahlreichen anderen Musikern.
Swarbrick starb am 3. Juni 2016 im Alter von 75 Jahren.
Bruce Rowland
Bruce Rowland ersetzte Dave Mattacks während der Aufnahmen zu „Rising for the Moon“. Bereits zuvor hatte er als Mitglied von Joe Cockers Grease Band internationale Bekanntheit erlangt und 1969 beim legendären Woodstock-Festival gespielt.
Rowland starb am 29. Juni 2015 im Alter von 74 Jahren an den Folgen einer Krebserkrankung.
Jerry Donahue
Der amerikanisch-britische Gitarrist Jerry Donahue wurde durch seine außergewöhnliche Technik und sein ausdrucksstarkes Saitenziehen bekannt. Neben Fairport Convention und Fotheringay arbeitete er unter anderem mit Robert Plant, Elton John, Joan Armatrading, Gerry Rafferty, Chris Rea und Roy Orbison.
Im Juli 2016 erlitt Donahue einen schweren, lähmenden Schlaganfall. Seitdem kämpft er mit dessen Folgen und konnte seine frühere Karriere als aktiver Gitarrist nicht fortsetzen.
Dave Pegg und Dave Mattacks
Bassist Dave Pegg und Schlagzeuger Dave Mattacks sind weiterhin eng mit der Geschichte von Fairport Convention verbunden. Pegg gehört seit 1969 mit Unterbrechungen beziehungsweise seit der Wiedervereinigung dauerhaft zur Band. Mattacks kehrte später ebenfalls zurück.
Fairport Convention lösten sich 1979 zunächst auf, formierten sich aber 1985 neu. Die Band ist bis heute aktiv und eng mit dem jährlich stattfindenden Cropredy Festival verbunden, das sich zu einem der bedeutendsten Folkfestivals Großbritanniens entwickelt hat.
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