Manchmal entdeckt man eine Schallplatte nicht im Plattenladen, nicht durch eine Empfehlung und auch nicht über eine Fachzeitschrift – sondern eher zufällig irgendwo im Netz. Genau so erging es mir mit George Dukes Album „I Love the Blues, She Heard My Cry“.
Obwohl ich schon lange ein großer George-Duke-Fan bin, kannte ich diese LP erstaunlicherweise nicht. Erst spät, gegen Ende der 1990er-Jahre, stieß ich auf das Album. Und bereits nach dem ersten konzentrierten Hören war klar: Das ist keine gewöhnliche Fusion-Platte, sondern ein musikalisches Experiment, das sich konsequent über alle Genregrenzen hinwegsetzt.
George Duke lässt sich in keine Schublade stecken
Das 1975 bei MPS erschienene Album enthält zehn Titel und dauert rund 41 Minuten. George Duke verband darauf Jazz, Funk, Rhythm & Blues, Rock, Soul, Blues und experimentelle Fusion zu einem außergewöhnlichen Gesamtwerk. MPS : MPS
Duke selbst bezeichnete seine Musik damals als „multi-stilistisch“. Er wollte nicht auf eine bestimmte musikalische Schublade reduziert werden, sondern unterschiedliche Kulturen und Stilrichtungen miteinander verbinden. Nach eigener Aussage war dies die vielfältigste Platte, die er bis dahin aufgenommen hatte. Der Einfluss seiner Zusammenarbeit mit Frank Zappa ist an mehreren Stellen deutlich hörbar, gleichzeitig treten Dukes Wurzeln im Funk und R&B immer stärker hervor. George Duke
Genau diese Offenheit macht die Platte bis heute so spannend. Sie klingt nicht wie ein sauber sortiertes Genrealbum. Stattdessen wirkt sie wie eine musikalische Reise, bei der man nie genau weiß, was hinter der nächsten Kurve wartet.
Eine beeindruckende Besetzung
George Duke hatte für dieses Album eine außergewöhnliche Gruppe von Musikern um sich versammelt. Dazu gehörten unter anderem:
- Johnny „Guitar“ Watson
- Flora Purim
- Airto Moreira
- Lee Ritenour
- Leon „Ndugu“ Chancler
- Byron Miller
- Daryl Stuermer
- George Johnson von den Brothers Johnson
- Ruth Underwood
- Tom und Bruce Fowler
Viele von ihnen gehörten bereits damals zur ersten Liga der internationalen Jazz-, Funk- und Fusion-Szene. Einige kannte Duke aus dem Umfeld von Frank Zappa. Hinzu kamen Marimba, Violine, Posaune, Gongs und ungewöhnliche Perkussionsinstrumente, die dem Album seine teilweise orchestrale und beinahe filmische Klangwelt verleihen. George Duke
Diese Besetzung allein wäre schon Grund genug, die Platte zu suchen. Entscheidend ist jedoch, wie selbstverständlich Duke die unterschiedlichen Persönlichkeiten und Instrumente in seine musikalische Vision integriert.
Zehn Stücke – und beinahe zehn verschiedene Welten
Schon der Opener „Chariot“ eröffnet das Album mit nervöser Funk-Energie. Die Synthesizer, der federnde Rhythmus und Dukes unverwechselbares Keyboardspiel ziehen den Hörer sofort mitten in das Geschehen.
„Look Into Her Eyes“ verbindet einen bluesigen elektrischen Groove mit der schwebenden Stimme von Flora Purim. Das Stück klingt gleichzeitig erdig und beinahe außerirdisch – eine Kombination, die nur wenige Musiker so überzeugend gestalten konnten.
Mit „Sister Serene“ zeigt Duke anschließend seine ruhigere und träumerische Seite. Es ist eines jener Instrumentalstücke, bei denen man die Augen schließen und sich vollständig von der Musik tragen lassen kann.
„That’s What She Said“ bewegt sich zwischen Rock, Funk und Fusion. Gitarren und Keyboards liefern sich ein energiegeladenes Wechselspiel, ohne dass daraus eine bloße technische Leistungsschau wird.
Das kurze „Mashavu“ wirkt wie eine atmosphärische Zwischenwelt. Perkussion und exotische Klangfarben erzeugen eine geheimnisvolle, fast rituelle Stimmung.
Dann folgt mit „Rokkinrowl, I Don’t Know“ eines der ungewöhnlichsten Stücke der Platte. Lee Ritenour sorgt für die markanten Gitarrenparts, während George Duke Rockmusik und Hendrix-Anspielungen beinahe spielerisch auseinandernimmt. MPS : MPS
Zwischen Funk, Zappa und sanftem R&B
„Prepare Yourself“ bringt die Platte wieder stärker in Richtung Funk. Byron Miller am Bass und Leon „Ndugu“ Chancler am Schlagzeug bilden ein Rhythmusfundament, das man nicht nur hört, sondern körperlich spürt.
Einer der Höhepunkte ist für mich „Giant Child Within Us – Ego“. Das mehr als sechs Minuten lange Stück entwickelt sich zu einer kleinen Fusion-Suite. Klassische Elemente, Jazzrock, Marimba, Violine, Posaune und deutlich erkennbare Zappa-Einflüsse verschmelzen zu einer komplexen, aber niemals beliebigen Komposition.
Danach folgt mit „Someday“ der vielleicht zugänglichste Titel des Albums. George Duke spielte bis auf das Schlagzeug sämtliche Instrumente selbst und sang alle Stimmen. Das Stück entwickelte sich damals zu einem Radioerfolg und machte viele Hörer erstmals mit Duke als Sänger bekannt. George Duke
„Someday“ besitzt bereits jene geschmeidige R&B-Seite, die George Duke in späteren Jahren weiterentwickeln sollte. Der Song ist warm, melodisch und gefühlvoll – ohne jemals kitschig zu wirken.
Der Titeltrack: zurück zur Wahrheit des Blues
Zum Abschluss kommt das Album dort an, wo sein Titel hinführt: beim Blues.
„I Love the Blues, She Heard My Cry“ ist ein geradliniger 12-Takt-Blues und bildet damit einen starken Kontrast zu den zuvor gehörten Synthesizer-Landschaften und komplexen Arrangements. George Duke singt gemeinsam mit Johnny „Guitar“ Watson, der mit seiner Stimme und seiner Gitarre für die notwendige Portion Schmutz, Direktheit und Echtheit sorgt. MPS : MPS
Nach all den musikalischen Experimenten endet die Platte beinahe dort, wo ein großer Teil der modernen Popmusik ursprünglich begonnen hat: beim Blues.
Das ist nicht nur musikalisch wirkungsvoll, sondern auch dramaturgisch brillant.

Klanglich eine typische MPS-Entdeckung
Auch klanglich ist diese LP interessant. Die Instrumente sind klar voneinander getrennt, ohne dass die Musik steril wirkt. Der Bass besitzt Druck, die Perkussion bleibt detailreich und die Keyboards entfalten jene analoge Wärme, die George Dukes Aufnahmen aus dieser Phase so reizvoll macht.
Besonders über eine gute HiFi-Anlage wird deutlich, wie viele kleine Klangideen in dieser Produktion verborgen sind. Marimba, Synthesizer, Gongs, Stimmen, Gitarren und Bläser erscheinen nicht einfach nebeneinander, sondern bilden einen räumlich gestaffelten Klangkörper.
Es ist eine Platte, die man nicht nur einmal hören sollte. Mit jedem weiteren Durchgang entdeckt man neue Details.
Noch immer ein Geheimtipp auf dem Gebrauchtmarkt
Das Erstaunliche ist, dass „I Love the Blues, She Heard My Cry“ trotz ihrer musikalischen Qualität noch immer zu vergleichsweise vernünftigen Preisen erhältlich ist.
Während für zahlreiche Jazz- und Fusion-Klassiker aus den 1970er-Jahren inzwischen hohe Sammlerpreise verlangt werden, findet man gebrauchte Exemplare dieser LP häufig noch ungefähr im Bereich von 15 bis 25 Euro, abhängig von Pressung und Zustand. Zum Zeitpunkt der Recherche wurden gebrauchte Exemplare beispielsweise für etwa 18 beziehungsweise 20 Euro angeboten. HHV
Natürlich sollte man auf den Zustand der Platte achten. Ein stark abgenutztes Exemplar ist nicht automatisch ein Schnäppchen. Wer jedoch eine gut erhaltene MPS- oder BASF-Pressung findet, sollte meiner Ansicht nach nicht lange überlegen.
Fazit: George Duke in seiner vielleicht mutigsten Phase
„I Love the Blues, She Heard My Cry“ ist Jazz, Blues, Funk, Rock, Soul, R&B und Fusion – und gleichzeitig mehr als die Summe dieser Bestandteile.
George Duke zeigte hier bereits 1975, dass anspruchsvolle Musik nicht akademisch oder unzugänglich sein muss. Er verbindet komplexe Arrangements mit Groove, Humor, Emotionalität und einer erstaunlichen stilistischen Freiheit.
Für mich war diese späte Entdeckung ein echter Glücksfall. Obwohl ich George Duke schon lange verehrte, hatte ich dieses Album schlicht übersehen. Umso größer war die Überraschung, als sich der vermeintliche Netzfund als experimentelles Meisterwerk entpuppte.
Vom Vinyl-Schnäppchen zum 400-Euro-Tonband
Während gut erhaltene Vinyl-Ausgaben häufig noch für ungefähr 15 bis 25 Euro erhältlich sind, bewegt sich die hochwertige Tonbandversion in einer völlig anderen Preisklasse. Revox bietet die Master-Quality-Ausgabe von „I Love the Blues, She Heard My Cry“ aktuell ab 415,97 Euro an; je nach Bandbreite stehen Ausführungen auf ¼-Zoll- und ½-Zoll-Band zur Auswahl. Eine vergleichbare ¼-Zoll-Ausgabe mit 38 cm/s beziehungsweise 15 ips wird bei einem weiteren Anbieter für rund 403 Euro angeboten. revox.com
Das zeigt, welchen audiophilen Stellenwert diese Aufnahme inzwischen besitzt: Auf Vinyl ist das Album noch immer ein bezahlbarer Geheimtipp, während Liebhaber hochwertiger Tonbandkopien mehr als 400 Euro investieren. Wer eine gute MPS- oder BASF-LP für 15 bis 25 Euro entdeckt, bekommt somit außerordentlich viel Musik und Klangqualität für sein Geld.

Ein absoluter Geheimtipp für George-Duke-Fans, Fusion-Liebhaber, Klangentdecker und alle Vinylsammler, die für einen überschaubaren Preis noch eine wirklich außergewöhnliche Platte finden möchten.
Titelliste
- Chariot
- Look Into Her Eyes
- Sister Serene
- That’s What She Said
- Mashavu
- Rokkinrowl, I Don’t Know
- Prepare Yourself
- Giant Child Within Us – Ego
- Someday
- I Love the Blues, She Heard My Cry
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