Manche Platten erkennt man nach wenigen Takten. Eine Gitarre setzt ein, eine Stimme klingt zugleich rau und zärtlich, und plötzlich ist Neapel ganz nah. Pino Daniele konnte Blues, Jazz, Rock und mediterrane Melodien so verbinden, dass daraus eine eigene musikalische Sprache wurde. Mascalzone latino aus dem Jahr 1989 zeigt eine besonders persönliche Seite dieses außergewöhnlichen Musikers. Ich habe mit Pino Daniele und mit meiner damaligen Band “ i Menestrelli“ die schönsten Jahre meines Leben erlebt. Die 80er und 90er Jahre waren insbesondere für die Entwicklung anspruchsvoller Musik für mich die größte Bereicherung meins Leben, u.a. waren es musikalischer Meisterwerke aus Italien. Riccardo Cocciante, Claudio Baglioni, Lucio Dalla und Pino Daniele prägten das harte Gastarbeiterleben aber auch das schöne Leben vieler Italiener in Italien, welches weltweit als “ La dolce Vita “ bezeichnet wurde. Es kam eine super Schallplatte (Künstler) nach der anderen heraus , so das man kaum mit den Kaufen hinterher kam , da es so viele gute Musik gab.
Ich gab wie viel andere auch zu dieser Zeit fast 50 % meines Einkommen für HiFi und Schallplatten aus.
Wie Mascalzone latino entstand
Nach seinen großen, oft von einer starken Band getragenen Alben suchte Daniele für Mascalzone latino einen anderen Klang. Er produzierte und arrangierte die Platte selbst. An seiner Seite waren unter anderem Keyboarder Bruno Illiano, Perkussionist Rosario Iermano und die Gäste der Gruppe Orixàs. Aufgenommen wurde in den Demomusic Studios; der Schnitt erfolgte in den Abbey Road Studios in London. Daniele beschrieb die Idee hinter dem Album als seinen Wunsch, akustische und elektronische Klänge miteinander zu verschmelzen.
Genau darin liegt der Reiz dieser Platte. Die Gitarre steht nah am Hörer, während Keyboards und programmierten Klängen Raum für neue Farben geben. Der Blues ist weiterhin da, ebenso sein Gespür für Jazz und rhythmische Wendungen. Doch Mascalzone latino wirkt zurückgenommener als manche seiner früheren Aufnahmen. Die Songs lassen der Stimme und den Melodien viel Platz.

„Anna verrà“: ein Lied, das bleibt
Gleich der erste Titel ist einer der schönsten Momente in Danieles Karriere. „Anna verrà“ ist eine Hommage an die Schauspielerin Anna Magnani. Daniele sagte selbst, es sei sein erstes Lied auf Italienisch gewesen, nachdem er zuvor vor allem im neapolitanischen Dialekt geschrieben hatte.
Es ist ein Traumsong: sanft, melancholisch und voller Zuversicht. Daniele braucht dafür keine große Geste. Seine Stimme trägt das Lied beinahe beiläufig, und gerade dadurch geht es unter die Haut. Wer Pino Daniele bisher nur als kraftvollen Bluesgitarristen kennt, sollte mit „Anna verrà“ beginnen. Hier hört man, was für ein großartiger Songwriter er war.
Auch der Rest des Albums verdient Aufmerksamkeit. „Faccia gialla“, „N’ata stagione“, „Carte e cartuscelle“ und „Ammore scumbinato“ zeigen unterschiedliche Seiten seines Stils: mal verspielt, mal nachdenklich, stets unverkennbar Pino Daniele. Die offizielle Trackliste umfasst zehn Stücke.
Die Pino-Daniele-Platten, die auf Vinyl in jede Sammlung gehören
| Album | Jahr | Warum es sich lohnt |
|---|---|---|
| Terra mia | 1977 | Der Anfang: Neapel, seine Sprache und seine Geschichten stehen im Mittelpunkt. |
| Pino Daniele | 1979 | Ein früher Höhepunkt mit „Je so’ pazzo“ und „Chi tene ’o mare“. |
| Nero a metà | 1980 | Ein Schlüsselalbum seines neapolitanischen Blues, mit „Quanno chiove“ und „A me me piace ’o blues“. |
| Vai mo’ | 1981 | Eine mitreißende Bandplatte, auf der Groove, Jazz und Rock zusammenfinden. |
| Bella ’mbriana | 1982 | Daniele öffnet seinen Klang weiter; unter den beteiligten Musikern sind Wayne Shorter und Alphonso Johnson. |
| Musicante | 1984 | Eine lohnende Entdeckung für alle, die seine rhythmische und experimentierfreudige Seite mögen. |
| Mascalzone latino | 1989 | Die intimere Platte dieser Auswahl – allein „Anna verrà“ macht sie unverzichtbar. |
| Un uomo in blues | 1991 | Eine Rückkehr zu einem direkten, kraftvollen Blues-Sound. |
Die Albumjahre und die Stationen seiner musikalischen Entwicklung sind in Danieles offizieller Diskografie dokumentiert.
Wer nur drei LPs zum Einstieg sucht, dem würde ich Nero a metà, Vai mo’ und Mascalzone latino ans Herz legen. Zusammen zeigen sie, wie weit Danieles Musik reichen konnte: vom erdigen Blues über den elektrisierenden Bandsound bis zur leisen, bewegenden Ballade.

Eine Platte für den späten Abend
Mascalzone latino ist eine Platte, für die man sich Zeit nehmen sollte. Sie drängt sich nicht auf. Man legt sie auf, hört genauer hin und entdeckt hinter der scheinbaren Leichtigkeit immer neue Nuancen. Gerade auf Vinyl passt diese Musik wunderbar zu einem ruhigen Abend: erst „Anna verrà“ genießen, dann die Nadel einfach weiterlaufen lassen.
Pino Daniele war ein Musiker, den man nicht auf ein Genre reduzieren kann. Seine Gitarre kannte den Blues, seine Band den Jazz und seinen Liedern hörte man Neapel an. Mascalzone latino vereint all das in einer warmen, eigenwilligen Platte. Wer sie wegen „Anna verrà“ kauft, bleibt für den ganzen Pino Daniele.


