Es gab mehrere Modelle von Nakamachi, ich habe mir damlas die Nase beim Audio-Forum Berlin platt gedrückt. Audio Forum war in den 80er Jahren die beste HiFi-Adresse für hochwertiges High End in Berlin.
Ich habe das Teil tatsächlich live gesehen und gehört als 19 jähriger HiFi-Freak und konnte meinen Ohren nicht trauen, da ich mein Ohr nahe an das Kassettenfach legte und hörte fast gar nichts von den Umdrehungen der Kassette. Die Audio-Kassette im Nakamichi macht während der Umdrehungen Null Geräusche, als ob diese sich in einem Tresor befand. Ich war absolut fasziniert von der Mechanik des 700XE.
14 Kilogramm, drei getrennte Tonköpfe und eine automatische Einmessung, die selbst den Aufnahmeazimut korrigiert: Der Nakamichi 700ZXE gehört zu den faszinierendsten Tapedecks der frühen Achtzigerjahre. Doch was macht diese Maschine so begehrenswert – und rechtfertigt ihre Technik tatsächlich heutige Preisforderungen jenseits der 5.000-Euro-Marke?
Es gab eine Zeit, in der ein selbst aufgenommenes Musikband ein kleines persönliches Kunstwerk war. Man suchte die richtige Kassette aus, reinigte die Tonköpfe, stellte den Aufnahmepegel ein und wartete auf den perfekten Moment, um die Aufnahme zu starten. Musik bekam Zeit, Aufmerksamkeit und ein handbeschriftetes Etikett.
Und dann gab es Nakamichi.
Während die Kompaktkassette in vielen Haushalten vor allem als praktischer Tonträger galt, behandelte der japanische Spezialist sie wie eine anspruchsvolle technische Herausforderung. Wie viel Klang ließ sich aus diesem schmalen Magnetband herausholen? Wie weit konnte man Mechanik, Tonköpfe und Einmessung treiben? Eine besonders eindrucksvolle Antwort war der 700ZXE.

Ein Tapedeck mit der Ausstrahlung eines Regiepults
Schon seine Proportionen machen klar: Hier steht kein gewöhnlicher Kassettenrekorder. Die hohe, breite Konstruktion, die markanten Bedienelemente und die leuchtenden Anzeigen verleihen dem Nakamichi etwas von einem kompakten Studiopult.
Mit rund 50 Zentimetern Breite, 26,2 Zentimetern Höhe und 25 Zentimetern Tiefe beansprucht er einen eigenen Platz im HiFi-Regal. Das Gewicht beträgt ungefähr 14 Kilogramm. Ein Gerät, das man bewusst aufstellt – und anschließend vermutlich lange betrachtet. Die dokumentierten Herstellerdaten nennen außerdem LED-Spitzenwertanzeigen mit einem Anzeigebereich von −40 bis +10 dB und ein vierstelliges elektronisches Bandzählwerk.
Sein Design wirkt heute gerade deshalb so reizvoll, weil die Funktion sichtbar bleibt. Hier wird Musik aufgenommen, kontrolliert und wiedergegeben. Jede Taste hat einen Zweck.
Anfang der Achtziger schon ein Luxusobjekt
Der 700ZXE gehört in die Modellgeneration um 1980 bis 1982. Die japanische Dokumentation nennt 1980 als Erscheinungsjahr; internationale Modellverzeichnisse führen häufig 1981 bis 1982. Für einen belastbaren zeitgenössischen Anker sorgt die amerikanische Fachpresse: Stereo Review berichtete im September 1981 über den neu eingeführten 700ZXE und nannte einen Preis von 2.400 US-Dollar. Das größere Schwestermodell 700ZXL wurde mit 3.000 Dollar aufgeführt, das Flaggschiff 1000ZXL mit 3.800 Dollar.
Der 700ZXE war damit bereits zu seiner Zeit eine Anschaffung für ausgesprochen ambitionierte Musikliebhaber. Er sollte die hochwertige Grundtechnik der größeren Maschinen mit vereinfachter Ausstattung verbinden.
„Vereinfacht“ ist bei einem Nakamichi dieser Klasse allerdings ein relativer Begriff.
Drei Tonköpfe – und der Blick hinter die Aufnahme
Der 700ZXE besitzt getrennte Köpfe für Löschen, Aufnahme und Wiedergabe. Diese diskrete Dreikopfkonstruktion erlaubt es, die einzelnen Köpfe für ihre jeweiligen Aufgaben auszulegen.
Zugleich ermöglicht sie Hinterbandkontrolle: Während die Aufnahme läuft, lässt sich bereits das tatsächlich auf dem Band gespeicherte Signal abhören. Der Vergleich zwischen Quelle und Aufnahme wird unmittelbar möglich. Genau das machte anspruchsvolle Kassettenaufnahmen so spannend: Man konnte hören, was die Maschine aus dem Ausgangssignal machte. Nakamichis zeitgenössischer Katalog dokumentiert diese Ausstattung für den 700ZXE.

Der technische Höhepunkt: Das Deck misst sich auf die Kassette ein
Unterschiedliche Bänder verlangen unterschiedliche Einstellungen. Eine Kassette kann bei unveränderter Justage hervorragend funktionieren, eine andere Höhen verlieren oder einen abweichenden Aufnahmepegel liefern.
Nakamichis Antwort war eine automatische Kalibrierung von Aufnahmeazimut, Vormagnetisierung und Aufnahme-/Wiedergabepegel. Bandtyp und Wiedergabeentzerrung werden zuvor vom Nutzer ausgewählt. Danach übernimmt die Maschine die Anpassung.
Besonders faszinierend ist die Korrektur des Aufnahmeazimuts. Gemeint ist die exakte Winkelausrichtung des Aufnahmekopfes zum Band. Bereits kleine Abweichungen können sich bei hohen Frequenzen bemerkbar machen. Eine solche Einstellung automatisch vorzunehmen, zeigt, wie konsequent Nakamichi die Kassette als ernsthaftes Aufnahmemedium behandelte.
Das sollte man allerdings nicht mit der später berühmt gewordenen automatischen Wiedergabeazimutkorrektur des Dragon gleichsetzen. Beim 700ZXE geht es hier um die Ausrichtung des Aufnahmekopfes während der Einmessung.
Aufwendige Bandführung statt bloßer Materialschlacht
Zur Ausstattung gehört ein asymmetrisches Doppelcapstan-Laufwerk. Zwei Tonwellen sorgen für eine definierte Bandführung im Bereich der Köpfe. Ein sogenannter Pressure Pad Lifter hebt zudem das Andruckpolster der Kassette vom Band ab. Damit soll dessen Einfluss auf den Band-Kopf-Kontakt reduziert werden.
Die dokumentierten Sollwerte sind eindrucksvoll: höchstens 0,04 Prozent Gleichlaufschwankungen WRMS und ein Frequenzgang von 20 Hz bis 20 kHz innerhalb ±2 dB, beziehungsweise 18 Hz bis 23 kHz innerhalb ±3 dB. Die Frequenzgangangaben gelten unter den genannten Messbedingungen, mit geeigneten Nakamichi-Bändern und bei −20 dB Aufnahmepegel. Sie bedeuten keine verzerrungsfreie Vollaussteuerung bis 23 kHz.
Titelsuche, bevor Musik per Fingertipp verfügbar war
Auch beim Bedienkomfort ging Nakamichi weit. Das RAMM-System – Random Access Music Memory – erkennt beim 700ZXE die Pausen zwischen Musikstücken und ermöglicht das Überspringen von bis zu neun Titeln in beide Richtungen.
Das klingt heute selbstverständlich. Bei einer Kassette bedeutete es, dass die Maschine das Band tatsächlich bewegen und die entsprechenden Pausen finden musste. Bei durchgehenden Liveaufnahmen oder ungünstigen Pausen funktioniert dieses Prinzip entsprechend eingeschränkt.
Eingebaut ist Dolby B. Dolby C konnte über den externen NR-100-Prozessor ergänzt werden. Ein 700ZXE allein besitzt somit kein eingebautes Dolby C. Auch eine kabelgebundene Fernbedienung war als Zubehör vorgesehen.

Was die internationale Presse tatsächlich schrieb
Bei Vintage-Geräten werden im Internet gern begeisterte Urteile weitergereicht, deren Ursprung irgendwann verschwimmt. Beim 700ZXE lohnt die genaue Zuordnung.
Stereo Review, September 1981: Der zeitgenössische Messebericht belegt die damalige Marktposition mit den bereits erwähnten 2.400 Dollar und beschreibt den separat erhältlichen Dolby-C-Prozessor. Das ist eine wertvolle historische Quelle, allerdings kein ausführlicher Hörtest des 700ZXE.
High Fidelity, August 1981: Der Test des größeren 700ZXL trägt die Überschrift „Utter Class“ – sinngemäß: „Klasse durch und durch“. Im Text wird der günstigere 700ZXE ausdrücklich als zweites Modell dieser Familie eingeordnet. Das Urteil gehört jedoch zum getesteten ZXL und darf nicht als Testergebnis des ZXE ausgegeben werden.
StereoNET, Rückblick vom 13. Februar 2018: Die Jahre 1978 bis 1984 werden unter „The Classic Years“ behandelt. Der Beitrag ordnet 700ZXL und 700ZXE in diese wichtige Entwicklungsphase ein und beschreibt den ZXE als technisch vereinfachtes Schwestermodell im gleichen auffälligen Design.
Auch die damalige Werbung ist aufschlussreich. Unter „Two Paths to the Pinnacle“ präsentierte Nakamichi 700ZXE und 700ZXL als zwei Wege zur Spitze. Eine großartige zeittypische Formulierung – aber eben ein Herstellerclaim, kein unabhängiges Presseurteil.
Warum Sammler für solch eine Maschine tief in die Tasche greifen
Der Reiz lässt sich aus mehreren Faktoren erklären.
Da ist zunächst die technische Eigenständigkeit. Ein Gerät, das sein Aufnahmeverhalten an das eingelegte Band anpasst und dazu sogar den Kopf ausrichtet, bleibt auch Jahrzehnte später faszinierend.
Hinzu kommt das unverwechselbare Erscheinungsbild. Der 700ZXE ist als Objekt ebenso interessant wie als Tonquelle. Er verkörpert eine Epoche, in der hochwertige Unterhaltungselektronik stolz zeigen durfte, wie aufwendig sie konstruiert war.
Und schließlich zählt der Zustand des konkreten Exemplars. Für einen Sammler sind eine makellose Front, vollständiges Zubehör, Originalunterlagen und eine nachvollziehbare fachgerechte Überholung wesentlich überzeugender als ein bloßes „läuft“.
Dass Erhaltung Arbeit bedeutet, zeigt beispielsweise eine private Fotodokumentation auf Flickr: Ihr Besitzer beschreibt den Austausch von Riemen und Zwischenradgummi sowie eine gründliche Reinigung der Mechanik. Das ist ein einzelner Restaurierungsbericht, aber ein anschauliches Beispiel für den Aufwand hinter einem wieder zuverlässig arbeitenden Klassiker.
Sind mehr als 5.000 Euro gerechtfertigt?
Das verlinkte Angebot verlangt zum Recherchezeitpunkt 5.288,37 Euro. Der Verkäufer in Kyiv beschreibt das Gerät als gewartet. Das ist eine Preisforderung und eine Zustandsangabe des Verkäufers; ein abgeschlossener Verkauf zu diesem Betrag ist damit nicht belegt.
Andere dokumentierte Angebote liefern eine breitere Perspektive: Der amerikanische Anbieter George Meyer AV nennt 3.800 US-Dollar für ein Exemplar mit Originalkarton, Anleitung und Zubehör. Eine kanadische Anzeige aus Oktober 2021 wurde bei einem ausgeschriebenen Preis von 1.995 kanadischen Dollar später als verkauft markiert. Der tatsächlich vereinbarte Endpreis ist dort nicht ersichtlich. Zeit, Zustand und Währung machen diese Beispiele zudem nur eingeschränkt vergleichbar.
Die Recherche belegt daher keinen allgemeinen Marktwert von über 5.000 Euro. Sie erklärt aber, warum ein außergewöhnlich gut erhaltenes, nachweislich überholtes Exemplar für einen bestimmten Sammler einen solchen Wunschpreis interessant machen könnte.
Wer diese Summe erwägt, sollte sich die Überholung konkret dokumentieren lassen: Arbeiten am Laufwerk, Zustand der Köpfe und Andruckrollen, Funktion der Einmessung sowie aktuelle Messungen von Gleichlauf und Aufnahme-/Wiedergabeverhalten. „Gewartet“ allein beschreibt den Umfang dieser Arbeiten nicht.
Eine Maschine für Menschen, die Musik Zeit geben
Der Nakamichi 700ZXE erinnert daran, wie viel Hingabe einmal in eine Aufnahme floss. Kassette auswählen, einmessen, aussteuern, hinter Band kontrollieren – und anschließend die Musik bewusst laufen lassen.
Seine Faszination entsteht aus dieser Verbindung von sichtbarer Mechanik, ambitionierter Elektronik und persönlichem Ritual.
Über 5.000 Euro sind deshalb keine Selbstverständlichkeit und kein durch die gefundenen Angebote bewiesener Standardpreis. Doch als Sammlerstück besitzt dieser Nakamichi etwas, das sich schwer in Messwerten ausdrücken lässt: Er macht den Aufwand hinter der Musikwiedergabe erlebbar.
Ein kleines Band. Eine gewaltige Maschine. Und sehr viel Leidenschaft.
Weitere Bilder hier: https://www.georgemeyer-av.com/nakamichi-700-zxe-auto-tuning-cassette-deck/
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