Clint Eastwood – Jazz, seine heimliche Leidenschaft

Clint Eastwood war schon immer sehr verschlossen, er führte sein eigenes Leben fern von Hollywood. Als Mensch und Kollege war er genauso schweigend und einsam wie als rätselhafter Westernheld in seinen B-Movies von Don Siegel und den Spaghetti-Western.

Anfang der siebziger Jahre hat Eastwood in ca. 22 Kinofilmen mitgespielt und war einer der Hauptdarsteller der Westernserie „Tausend Meilen Staub“ (engl. Titel „Rawhide). Immerhin brachte es die Serie auf 217 Episoden in insgesamt 8 Staffeln. Was könnte also noch kommen. Er ist damals schon seinen Weg gegangen. Später meinte Eastwood einmal: „Western und Jazz seien die einzigen wahren Kunstformen, die Amerika hervorgebracht hat“.

Er war dem Jazz hoffnungslos verfallen, in „Sadistico – Wunschkonzert für einen Toten“ hörte man Erroll Garners Klavier. Eastwood führte bei dem Film im übrigen auch erstmals Regie. „Sadistico“ war noch ein Low-Budget-Film. Eastwood hatte vorsichtig versucht sich in die Welt des Jazz mit diesem Film vorzutasten. Die „Dirty Harry-Reihe“ drehte er noch ebenso wie „Der Mann aus San Fernando“ und „Flucht von Alcatraz“ und immer wieder folgten Western – bis hin zum sensationellen „Oscar“-gekrönten Western „Erbarmunslos“ aus dem Jahr 1992.

Der swingende Eastwood, der Jazzfan wollte es nicht bei diesem einmaligen Auftritt bewenden lassen. In dem Melodram „Honky Tonk Man“ von 1982, spielte er, ebenfalls unter eigener Regie, den begabten, besoffenen und Pillen schluckenden Country & Western-Helden Red Stovall – hier stand die Country & Western Ikone Hank Williams Pate. Wieder war die Welt erstaunt: Clint Eastwood konnte singen und Gitarre spielen. Kein Playback, kein synchrones Bewegen der Lippen zur Stimme eines anderen, wie das meist geschieht, wenn Schauspieler Sänger spielen.

1984 folgte eine weitere Überraschung: Clint Eastwood am Klavier, Jazz und Blues, auch hier spielte er selbst. Die Kamera erfasste seine langen feingliedrigen Hände auf den Tasten. „Der Bulle und der Schnüffler“ war der Titel des Films. Hollywood-Regisseur Wolfgang Petersen holte ihn als Barpianisten und reaktivierten Sicherheitsbeamten Frank Horrigan für in „In the Line of Fire – die zweite Chance“ 1993 noch einmal ans Klavier.

Zwischenzeitlich drehte Eastwood 1988 die Sensation für Cinéasten und Jazz-Insider. Den dreistündigen Film „Bird“,  die Lebensgeschichte des genialen, selbstzerstörerischen Bebop-Altsaxophonisten Charlie Parker. Durch „Bird“ erlangte Clint Eastwood einen legendären Ruf in der Jazzszene wie es vor ihm noch kein Filmmacher geschafft hatte. Für den Soundtrack war sein musikalischer Direktor Lennie Niehaus verantwortlich. Er ist ein bedeutender Saxophonist und Lehrer und hat die Originalsoli von Charlie Parker, Dizzy Gillespie und anderen Jazzkünstlern der 40er-Jahre verwendet.

In dem Justizdrama „Ein wahres Verbrechen“ von 1999 überraschte die kanadische Sängerin und Pianistin Diana Krall. Sie steuerte die Ballade „Why Should I Care“ zum Soundtrack bei – Komponist: Clint Eastwood.

Clint Eastwood war u.a. auch beteiligt und zu sehen in mehreren Jazzdokumentationen:

„The Last of The Blue Devils“ von 1979 wurde von Clint Eastwood präsentiert / Regie: Bruce Ricker

„Piano Blues“ von 2003 Clint Eastwood

„Dave Brubeck Dokumentation“ von 2010 mit Clint Eastwood

(Bild oben Clint Eastwood und Ray Charles)

Mitte der 90er Jahre vertraute Eastwood Details seines musikalischen Werdegangs  seinem Biografen  Richard Schickel (Filmjournalist) an.

„Bei den Eastwoods, einer hochmusikalischen Familie, stand ein Klavier, auf dem der Junge früh herumklimperte, zunächst fasziniert vom Boogie Woogie Albert Ammons’ und Meade Lux Lewis’. 1943, als Clint 13 war, kam seine Mutter nach Hause, einen Stapel Platten des gerade verstorbenen Stride-Piano-Meisters Fats Waller im Arm. „Dieser Mann war der Größte“, schwärmte sie und empfahl: „Nimm Dir ein Beispiel an ihm!“, was beim Sohn auf fruchtbaren Boden fiel. Er übte wie besessen. Mit seinen Schulfreunden zog der Teenager durch die zahllosen kalifornischen Klubs. Er hörte die Big Bands von Stan Kenton, Woody Herman und Count Basie. Er stand „starr vor Staunen“, was die jungen Wilden wie Parker und Gillespie, Coleman Hawkins und Lester Young „auf dem Horn“ hinbekamen. Und er lernte den jungen Pianisten Dave Brubeck schätzen, dessen Karriere in den Aulen der Universitäten begann.

Eastwood selber trat manchmal im „Omar Club“ von Oakland auf, wie er sich erinnert, „bezahlt wurde ich mit Pizzas, Bier und Trinkgeld.“ Kurz fasste er eine eigene Musikerlaufbahn ins Auge, was sich erledigte, als er seine Einberufung zur Armee bekam. Nach dem Militärdienst entschied er sich doch lieber für die Schauspielschule.“

Man schmunzelte in Hollywood und in der Jazzszene über eine Geschichte zu dem Thriller und Bestseller „Mitternacht im Garten von Gut und Böse“. In der Verfilmung von John Berendt geht es um einen mysteriösen Mordfall in einer Villa in Savannah/Georgia. Als man Eastwood das Drehbuch anbot, habe er gar nicht gewusst, dass es sich um dieselbe Villa handelt, in der Jazzkomponist und -sänger Johnny Mercer (1909 bis 1976) wohnte. Mercer war Autor von Evergreens wie „Jeepers Creepers“, „Moon River“ und „Autumn Leaves“. Erst als er es mit Verspätung erfuhr, habe Eastwood, beschlossen, der Jazzlegende Mercer via Soundtrack die gebührende Ehre zu erweisen. „Wer’s glaubt wird selig“, lästerten die Leute aus seinem Team, „Clint kennt den Mercer-Katalog auswendig und weiß jedes Detail aus dessen Leben.“ Eastwood huldigte dem Meister geradezu überschwenglich. Für den Soundtrack des Films wurden ausschließlich Mercer-Songs ausgewählt, gesungen unter anderen von Tony Bennett, Frank Sinatra, K.D. Lang, Cassandra Wilson und  seiner Tochter Alison Eastwood.

Sein Sohn Kyle dagegen ist als Bassist und Bandleader tätig. Ich hatte nach dem Konzert im Night-Club des Münchner Hotels Bayerischer Hof um 2002 die Möglichkeit kurz mit Kyle Eastwood zu sprechen:

„Er meinte, dass er alles im Leben und vor allem die Liebe zum Jazz seinem Vater verdanke.“

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