Jethro Tull live in Berlin: 58 Jahre Rockgeschichte – und die Flöte spielt weiter

Ein Beitrag von Carlo Lapadula

Eine Querflöte zwischen Gitarrenriffs, ein Frontmann mit unverwechselbarer Bühnenpräsenz und Songs, die längst zum musikalischen Gedächtnis mehrerer Generationen gehören: Jethro Tull haben sich ihren eigenen Platz in der Rockgeschichte geschaffen. Am 5. November 2026 kommt die Band um Ian Anderson mit „The Curiosity Tour“ ins Berliner Tempodrom. Ein Abend für alle, die Musik mit Charakter, Fantasie und Eigensinn lieben.

Wenn das Klavierintro von „Locomotive Breath“ langsam Spannung aufbaut, bevor die Band mit voller Kraft einsetzt, ist diese besondere Welt sofort wieder da. Ebenso beim markanten Gitarrenriff von „Aqualung“ oder den verschlungenen musikalischen Wegen von „Thick as a Brick“: Jethro Tull verbinden Kraft mit feinen Details, raue Rockmusik mit akustischer Intimität.

Im Mittelpunkt steht seit den Anfängen Ian Anderson. Sein Flötenspiel – mal scharf und rhythmisch, mal warm und erzählerisch – wurde zum Erkennungszeichen einer Band, die sich musikalisch immer wieder veränderte.

Wie alles begann: Von Bluesclubs auf die großen Bühnen

Die Wurzeln reichen ins Jahr 1967 zurück. Musiker aus dem Umfeld der John Evan Band und von McGregor’s Engine fanden zusammen. Zur frühen Formation gehörten Ian Anderson, Gitarrist Mick Abrahams, Bassist Glenn Cornick und Schlagzeuger Clive Bunker.

Anfang 1968 entwickelte sich im englischen Luton jene Band, die bald unter dem Namen Jethro Tull auftreten sollte. Ausgangspunkt war der Blues; hinzu kamen unterschiedliche musikalische Interessen und die Bereitschaft, ungewöhnliche Wege einzuschlagen. Regelmäßige Auftritte im berühmten Londoner Marquee Club halfen ihnen, ein Publikum aufzubauen.

Noch 1968 erschien das Debüt „This Was“, deutlich vom Blues geprägt. Mit „Stand Up“ folgte 1969 eine eigenständigere, vielseitigere Richtung. „Benefit“, „Aqualung“ und „Thick as a Brick“ machten Jethro Tull anschließend international zu einer festen Größe.

Ihr besonderer Reiz liegt in der Verbindung dieser Welten: Folk, Blues, harte Gitarren, klassische Anklänge und komplexe Arrangements finden hier zusammen. Man hört eine Band, die Spannung auch durch leise Passagen und überraschende Wendungen erzeugt.

circa 1970: British folk group Jethro Tull, led by flautist, guitarist, singer and songwriter Ian Anderson. (Photo by Hulton Archive/Getty Images)

Wer war eigentlich Jethro Tull?

Jethro Tull ist der Name eines englischen Agrarpioniers aus dem 18. Jahrhundert, der für seine Weiterentwicklung der Sätechnik bekannt wurde. Wie daraus ein Bandname entstand, gehört zu den charmantesten Geschichten der Gruppe.

Ian Anderson erzählt auf der offiziellen Website, dass die junge Formation anfangs ständig ihre Namen wechselte. Mit selbstironischem Humor begründet er das damit, dass sie unter neuem Namen erneut in Clubs gebucht werden wollten.

Ihr Agent, der Geschichte studiert hatte, schlug schließlich „Jethro Tull“ vor. Genau unter diesem Namen erhielten die Musiker ihre regelmäßigen Donnerstagabendauftritte im Marquee. Damit hatte sich der Name etabliert – und blieb.

Wie alt ist die Band heute?

2026 steht Jethro Tull für rund 58 Jahre Geschichte unter diesem Namen, gerechnet seit den ersten Auftritten 1968. Die Vorgeschichte der Formation begann bereits Ende 1967.

Ian Anderson, geboren 1947, ist inzwischen 79 Jahre alt. Er ist das einzige Mitglied der ursprünglichen Formation in der heutigen Besetzung. Das Alter der Band bedeutet deshalb keineswegs, dass sämtliche heutigen Musiker seit den Sechzigerjahren dabei sind.

Welche Musiker spielen heute bei Jethro Tull?

Die offizielle Bandwebsite führt aktuell diese fünf Musiker:

MusikerInstrumente
Ian AndersonGesang, Querflöte, Gitarren und weitere Instrumente
David GoodierBass, Begleitgesang
John O’HaraKeyboards, Akkordeon, Begleitgesang
Scott HammondSchlagzeug
Jack ClarkGitarre

Damit steht in Berlin die heutige Formation um Anderson auf der Bühne. Martin Barre, dessen Gitarrenspiel die klassische Tull-Ära entscheidend mitprägte, gehört dieser Besetzung nicht an.

Erinnerung an die verstorbenen Mitglieder

Zur langen Geschichte von Jethro Tull gehören auch schmerzliche Abschiede. Diese früheren Bandmitglieder sind inzwischen verstorben:

MusikerLebensdatenBeitrag zur Band
John Glascock1951–1979Bassist und Sänger; unter anderem auf „Songs from the Wood“ und „Heavy Horses“ zu hören. Er starb mit nur 28 Jahren.
Mark Craney1952–2005Schlagzeuger auf „A“ und der anschließenden Tour.
Glenn Cornick1947–2014Gründungsbassist; prägte die ersten drei Studioalben.
Maartin Allcock1957–2018Multiinstrumentalist; bei Tull insbesondere an den Keyboards tätig.
Gerry Conway1947–2024Schlagzeuger der frühen Achtzigerjahre; wirkte auch an späteren Studioaufnahmen mit.
Mick Abrahams1943–2025Gründungsgitarrist und eine prägende Kraft hinter dem bluesorientierten Debüt „This Was“.
Dee Palmer1937–2026Langjährige Arrangeurin und später Keyboarderin; ihre Orchesterarrangements bereicherten zahlreiche klassische Tull-Aufnahmen.

Ihre Beiträge dokumentieren, wie viele unterschiedliche musikalische Persönlichkeiten diese Band geformt haben.

„The Curiosity Tour“: Die Neugier bleibt

Für den Berliner Auftritt kündigt das Tempodrom eine Reise durch den umfangreichen Katalog an: vom Debüt „This Was“ bis zu „Curious Ruminant“ aus dem Jahr 2025. Auch visuelle Elemente und theatralische Akzente gehören zur angekündigten Show. Eine verbindliche Setlist für Berlin ist damit noch nicht festgelegt.

Gerade die musikalische Vielfalt macht den Konzertabend reizvoll. Bei Jethro Tull darf eine Flöte gegen die elektrische Gitarre antreten, eine akustische Passage einen kraftvollen Song unterbrechen und ein Rhythmus plötzlich eine unerwartete Richtung einschlagen. Wer gern aufmerksam zuhört, findet hier reichlich Stoff.

mySoundbook-Hörtipp zur Einstimmung

„Aqualung“ bietet einen unmittelbaren Einstieg in die kraftvolle Seite der Band. „Thick as a Brick“ empfiehlt sich für einen Abend, an dem die Musik volle Aufmerksamkeit bekommt. Mit „Songs from the Wood“ lässt sich anschließend die warme, detailreiche Folk-Rock-Welt von Jethro Tull entdecken.

Und dann geht es ins Tempodrom: zu einer Band, deren unverwechselbare Sprache aus musikalischer Neugier entstanden ist – und zu Ian Anderson, der ihr seit fast sechs Jahrzehnten Stimme und Atem gibt.

Jethro Tull live in Berlin

  • Tour: The Curiosity Tour
  • Datum: Donnerstag, 5. November 2026
  • Ort: Tempodrom, Große Arena, Möckernstraße 10, 10963 Berlin
  • Einlass: 19:00 Uhr
  • Beginn: 20:00 Uhr
  • Angegebene Preisspanne: 71,35 bis 107,00 Euro
  • Informationen und Tickets: Offizielle Veranstaltungsseite des Tempodroms.

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